Sei kein digitaler Zombie! Impressionen vom #digina #barcamp

By 6. November 2017Marketing

Am 16. November findet in München die Digina Konferenz 2017 statt. Spannende Referentinnen und Referenten diskutieren mit den Teilnehmern über digitalen Nachlass und das digitale Leben. Im Vorfeld haben die Organisatoren um Sabine Landes zum Digina Barcamp ins Burda Bootcamp eingeladen – eine klasse Idee, wie ich finde. Hier kommen einige Eindrücke von diesem Tag.

Der Digitale Nachlass gehört zu den Themen, bei denen man ebenso insgeheim wie vergeblich hofft, sich nie damit beschäftigen zu müssen. Was viele Menschen auch so handhaben. Mit der Folge, dass Hinterbliebene neben der Trauer auch noch ein Dickicht aus Accounts, Abonnements und Rechtsverhältnissen bewältigen müssen. Denn digitale Assets überdauern das eigene Leben. So kann es nicht nur zu rechtlichen Unklarheiten kommen. Längst Verstorbene sind unter Umständen noch lange bei Google und im Social Web zu finden. Stellen Sie sich vor, wie sich das für Ihre Angehörigen anfühlen muss.

Gibt’s ein digitales Nachlassgericht? Und andere Fragen

Mich hat auch der zweite Teil des Barcamp-Mottos so sehr angesprochen – Digitales Leben. Denn wir profitieren sofort davon, wenn wir auch digital Ordnung halten, sozusagen ein MRT unserer Online-Existenz anfertigen und unseren Spuren im Netz nachgehen, soweit das möglich ist.

Ich bin also mit vielen Fragen (siehe unten) ins Barcamp gefahren.

Mir wurde im Laufe des Tages deutlich, wie
a) wenig ich weiß von
b) einem Thema, das ausgesprochen umfangreich (und wichtig) ist.

Beeindruckt war ich vom fundierten Wissen und der hohen Qualität der Diskussion, wie sie Sabine Landes und ihre Mitstreiter vom Portal digital-danach.de gestaltet haben. Es wurde deutlich: Digitaler Nachlass ist eine weitere Facette des Großthemas Digitalisierung, mit der wir uns in Deutschland so schwer tun. Mit der Folge, dass wichtige Fragen ungelöst bleiben, weil gesellschaftliche und soziale Entwicklungen langsamer verlaufen, als sich die Technik entwickelt.

Die Einladung zum Barcamp kam mit der guten Anregung, einfach mal die eigenen Fragen rund um den Digitalen Nachlass mitzubringen. Und das hatte ich im Gepäck:

  • Was ist das eigentlich, digitaler Nachlass?
  • Wie finde ich raus, an welchen Stellen ich welche Daten hinterlassen habe?
  • Wo lebe ich Sicherheitsrisiken? Ich sag nur: Passwort!
  • Was kann weg?
  • Gibt’s sowas wie ein digitales Nachlassgericht oder welche rechtlichen Vorschriften sind zu berücksichtigen?
  • Welche technischen, langfristig gültigen Lösungen lassen sich zur Nachlassübergabe und -pflege einsetzen?
  • Welches Briefing soll ich meiner/meinem Nachlasspfleger übergeben?
  • Was muss ich als Unternehmerin zusätzlich berücksichtigen?

„Die Kunst der Innovation ist es, aus Problemen Lösungen zu machen“

Sabine Landes und Mario C. G. Juhnke starteten den Tag mit einer umfang- und facettenreichen Themensammlung, die von den Möglichkeiten der Digital Citizenship über die dringend nötigen Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bis hin zur Überlegung, ob AI- und eLearning-Lösungen künftig die Schule ablösen werden, reichten.

Eins wurde dabei schnell deutlich: Die aufgeworfenen Themen haben größtenteils noch keine Lösung. Wunderbar, findet Alexander Pinker, ebenfalls Mitglied im Führungsteam der Digina. Er sagt: Die Kunst der Innovation ist es, aus Problemen Lösungen zu machen.

Auszug der Sessions im Überblick

Session 1: Basis Digitaler Nachlass – Begriff und Umfang

Wenn man ins Detail geht, wird schnell deutlich: Der Begriff „Digitaler Nachlass“ ist so klar noch nicht formuliert. Dennis Schmolk vom Team der Digina definiert das so: „Digitaler Nachlass ist die Gesamtheit von Daten, digitalen Vermögenswerten und Kommunikationen, die jemand im Laufe seines Lebens ansammelt und die er hinterlässt.“

Das Verständnis von digitalem Nachlass ist recht unterschiedlich, sagt Sabine. Meist würden darunter vor allem Dokumenten-, Daten- oder Passwortmanagement verstanden. Also der Umgang mit den zentralen Daten, die nach dem Tod weitergegeben werden. Das war ehrlicherweise bisher auch mein Verständnis in Sachen digitales Erbe.

Das reicht nicht aus, so Sabine Landes. Zu knapp, zu sachlich, sei diese Definition gefasst. „Es fehlt das Zwischenmenschliche, die Kommunikation, wie zum Beispiel die persönlichen Posts, die Menschen schreiben.“

Facebook-Account statt Grabstelle als Ort des Gedenkens?

Nach dem Tod eines Menschen gehen sein Vermögen, aber auch seine (vertraglichen) Verpflichtungen auf die Erben über, eigentlich ganz einfach. Wenn es um die Aspekte des digitalen Lebens geht, wird es aber kompliziert. Denn jetzt taucht die Frage auf, was genau zur Erbmasse gehört. Auch rechtlich ist vieles unklar: Erben Angehörige auch den Zugang zum Facebook-Account? Erhalten sie Zugang zu den persönlichen eMails?

Die Diskussion der Session stieß Sabine mit der Frage an: „Was mache ich eigentlich so im digitalen Alltag – welche Plattformen, Services und Unterhaltungen nutze und führe ich?“ Ich bin gedanklich über Bankkonto und Kreditkartenabrechnung gegangen und habe überlegt: Welche Gelder fließen denn zum Beispiel in digitale Services? Der zweite Zugang zu den eigenen digitalen Aktivitäten sind eMails und Nachrichten über Messengerdienste.

Eine Frage in die Runde dazu, ob und wie die Teilnehmer ihren digitalen Nachlass geregelt haben, ergibt, dass für manche Teilnehmer die sozialen Accounts einmal genauso wichtig wie die klassische Grabstelle am Friedhof sein werden. Eine Teilnehmerin engagiert sich bei der Sterbehilfe und ist deshalb dichter dran am Thema als andere. Sonst hat niemand umfassend vorgesorgt.

Dienste – Accounts – Vermögenswerte: ein Überblick

Social Media Accounts (FB, Instagram, Twitter) und die Posts
Online Banking/Kreditkarten
Cloud-Speicher (Dokumente)
Entertainment-Abos (Netflix, Spotify, Apple Music, Audible, Kindle unlimited, Zeitschriften, inklusive Playlists)
Entertainment-Dateien (auf dem Rechner, im Digitalen Raum)
Digitale Währungen
Gaming-Accounts
Plattform-Zugänge (Dating-Plattformen)
Apps
Speichermedien
eMails und Messenger-Nachrichten
Online-Shopping (inklusive Abos wie Amazon Prime)

Freiberufler/Personenmarken: hier ist Privates oft eng mit dem Business verzahnt:

Webseite/Blog
eigene Apps
Fotos, Kunstwerk
Kundendatenbanken/Verteiler
Urheberrechte/Lizenzen
Online-Content
Hard- und Software
Online-Dienstleistungen (Software as a Service, Hosting)

Die gesammelten Aspekte lassen sich nach folgenden Kriterien clustern:

vermögensrelevant/ -irrelevant?
kostenpflichtig oder kostenfrei?
privat oder geschäftlich?
online oder offline digital?
was ich vererbe (digitaler Nachlass)/aus der Sicht des Hinterbliebenen (digitales Erbe)

Eine lebhafte Diskussion entbrennt, als wir gemeinsam einen Schritt weiter denken: Gehören denn Kontakte, Verteiler und Reichweiten auch dazu? Wie sehr fokussiert sich Nachlass auf Accounts, also im weitesten Sinn auf Physisches? Oder die Ergebnisse des Accounts ebenso Bestandteil, also Verteiler und Playlists?

Session 2: Stakeholder beim Digitalen Nachlass

Sabine eröffnet die Session mit einem kurzen Bericht dazu, welche staatlichen Stellen sich nach ihrer Erfahrung mit diesem Thema beschäftigen. Enttäuschend wenige, wie sie findet. Sie nennt das Projekt der Verbraucherzentralen „Macht’s gut“. Außerdem gibt es zahlreiche, nach Fachbereichen geordnete ‚Spielplätze’. Sie erwähnt einen Geistlichen aus München, der seine Gemeindemitglieder als Fachmann für die letzten Dinge betreuen will und sich dabei auch mit Aspekten wie einer digitalen Trauerfeier beschäftigt.

Die Stakeholder im Überblick

Im Bild: Kristina Lutilsky

Sie warnt aber davor, dass sich in Sachen digitaler Nachlass eine Monopolstellung bildet, weil ein Unternehmen eine Lösung erfindet, die dann alle nutzen (müssen). Was wir alle besser finden: mehr Eigeninitiative aufgeklärter, kundiger Bürger mit gezielter staatlicher Unterstützung.

Session 3: Vermögensgegenstände und digitaler Nachlass

Genau diese Erkenntnis, dass die Entwicklung gesellschaftlicher und rechtlicher Strukturen spürbar hinter der Technologie her hinkt, war auch eine zentrale Erkenntnis in Session 3. Blockchain, Bitcoin & Co bieten ganz neue Chancen, aber auch Risiken. Das verlangt neue Ausbildungkonzepte, mehr Bewusstsein und Regelungen, die es teilweise noch nicht gibt. Beispiel Eigentumsübertragung, die beim Tod eines Menschen getriggert wird.

Allerdings ist das kein Grund, zu verzweifeln – ganz im Gegenteil. Wichtig ist, selbst die wichtigsten Möglichkeiten zu kennen und „einfach zu machen“ – da waren sich die Teilnehmer der Runde einig.

Mein Fazit: Ich hatt e vor diesem Barcamp nur eine ungefähre Vorstellung vom ‚Digitalen Nachlass“. Ich bin mit mehr Fragen nach Hause gegangen, als ich auf dem Hinweg dabei hatte. Ich habe mir vorgenommen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, zu Lebzeiten digital auszumisten und ein genau beschriftetes Erbe zu hinterlassen. Nicht nur für meine Kinder, sondern vor allem auch für mein eigenes, sicheres und leichtes Leben.

 

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