Auszeit von der Technik: Maren Martschenko über den Tech Sabbath

Im Schnitt sehen die Menschen in Deutschland jeden Tag mehr als dreieinhalb Stunden fern, hören rund drei Stunden Radio und surfen nahezu zwei Stunden im Internet. Wem allein von diesen Zahlen der Kopf brummt, der könnte an einem Konzept gefallen finden, das jüdische Kreative vor 13 Jahren entwickelt haben: Der Tech Sabbath lädt dazu ein, an einem Tag der Woche Telefon und Laptop ausgeschaltet zu lassen und stattdessen das zu tun, was man „früher“ zum Beispiel an einem Samstag tat: Auf den Wochenmarkt zu gehen, sich mit Freunden in der Bar Centrale zu treffen und sich am Nachmittag ein wenig zu langweilen. Wer sich auf diesen Digital Detox einlässt, erlebt Erstaunliches – darüber habe ich hier geschrieben und davon handelt auch dieses Gespräch mit meiner geschätzten Kollegin Maren Martschenko:

Liebe Maren, Du praktizierst den Tech Sabbath schon länger. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Ich mache seit ziemlich genau drei Jahren jeden Freitag einen 24-stündigen digital detox. Das bedeutet, ich nutze weder Smartphone noch iPad noch Computer.  Obwohl es anfangs für mich als Social Media Junkie eine echte Umstellung war, habe ich doch sehr schnell Freude daran gefunden. Denn ich liebe Herausforderungen und habe dabei einiges über mich und unsere Gesellschaft gelernt:

    • Mir ist bewusst geworden, wie oft ich aus purer Gewohnheit zum Handy gegriffen habe und wahllos durch die Social Media Kanäle gesurft bin.

 

    • Ich habe auch gemerkt, wie selbstverständlich einige Apps analoge Alternativen ersetzt haben: Meinen Wecker, den CD-Spieler, den MVV-Fahrplan, den Stadtplan, den Fotoapparat, das Festnetztelefon uvm.

 

    • Mir ist aufgefallen, wie unverbindlich sich viele Menschen verabreden. Dank SMS lässt sich auch noch kurzfristig zu- oder absagen, neue Verabredungsorte und –zeiten festlegen. Das geht mit mir nicht mehr. Wer mich am Samstag sehen will, muss das vorher fest vereinbaren und auch ich muss mich festlegen. Absagen geht nur persönlich. Das ist etwas, das ich mittlerweile auch für alle anderen Tage übernommen habe.

 

    • Ich musste aushalten lernen, nicht sofort alles bei Google nachschauen zu können, wenn ich etwas nicht wusste. Gar nicht so einfach, sich zu erlauben, etwas nicht zu wissen.

 

    • Ich konnte nicht mehr samstags arbeiten, denn es gibt kaum etwas, für das ich nicht mein Smartphone und meinen Computer brauche. So habe ich nun immer mindestens einen freien Tag in der Woche. Da freuen sich auch Partner und Familie.

 

  • Ich habe das Gefühl, dass die Samstage viel länger sind als andere Tage, weil ich so viel mit den Händen mache. An einem Samstag habe ich zum Beispiel einmal komplett alle Esstischstühle neu gepolstert oder meinen Balkon neu gestaltet. Im Gegensatz zu meinem Beraterjob, wo ich als Wissensarbeiter am Tagesende nie solche haptischen Ergebnisse vorweisen kann, empfinde ich das sehr erfüllend.


All diese Erfahrungen und Erlebnisse empfinde ich als sehr bereichernd.
Der Tech Sabbath ist für mich eine wichtige Komponente für ein ausgewogenes Leben. Manchmal weiß man ja etwas erst richtig zu schätzen, wenn man eine Weile darauf verzichtet. Eine längere Auszeit von der Technik könnte ich mir abgesehen vom Urlaub allerdings nicht vorstellen.

Wer oder was hat Dich ursprünglich dazu inspiriert?

Inspiriert hat mich dazu Tiffany Shlaine, eine amerikanische Filmemacherin. Sie hat einen Film darüber gemacht, welchen Einfluss die Computernutzung auf das menschliche Gehirn hat (Brain Power: From neurons to networks). Was sie dabei herausgefunden hat, hat sie veranlasst, ihr digitales Nutzerverhalten zu überdenken. Als Jüdin war ihr das Konzept vom Sabbat bereits vertraut. Es schien ihr nur logisch einen „technology shabbat“ daraus zu machen. Ich stolperte bei Twitter darüber und kam ebenfalls ins Grübeln. Mein Hirn wollte ich ja nun wirklich nicht zerschießen. Und 24 Stunden von Freitagabend bis Samstagabend abzuschalten, schien absolut machbar. Gesagt, getan.

Wie genau lebst Du den Tech Sabbath, da gibt’s ja Abstufungen und Varianten?

Am Anfang war ich da extrem streng und habe mein Handy wirklich gar nicht benutzt. Bis ich eines Samstages einmal sehr früh aufstehen und feststellen musste, dass ich den Wecker in meinem Handy brauche, um wach zu werden. Oder eben keinen Fahrplan zur Hand hatte, um herauszufinden, wie ich am besten von A nach B komme.

Mit der Zeit habe ich für mich folgendes Modell gefunden: Ich gehe nicht in die Social Media Kanäle, gehe nur online, um eine Fahrkarte zu kaufen, höre Musik oder lasse mich wecken. Ich habe eine App, die mich daran erinnert, wann mein Sabbath beginnt und endet.

In Ausnahmefällen verschiebe ich den Tech Sabbath um einen Tag, zum Beispiel wenn ich auf einer Digitalkonferenz bin, wo ich mein Netzwerk via Twitter und Facebook auf dem Laufenden halten möchte.

Ausfallen lasse ich ihn höchst selten. Und wenn es doch mal der Fall ist, knechte ich mich nicht dafür.

Worüber stolperst Du jedes Mal wieder, was also fällt Dir schwer daran?

Schwer fällt es mir, wenn mein Partner verreist ist, und wir uns nicht wie sonst morgens liebevoll mit einer Chatnachricht begrüßen und abends verabschieden können. Es ist eine schöne Art, auch über die Distanz in Verbindung zu bleiben. Ich denke dann an die Paare, die früher voneinander getrennt waren und kein Telefon, sondern nur Briefe hatten, um sich einander mitzuteilen. Es kann auch schön sein, nicht immer sofort alles zu sagen, sondern sich etwas im Herzen aufzubewahren.

Grundsätzlich bin ich aber froh, in Zeiten von instant messaging zu leben und nicht im Zeitalter der Postkutschen.

Hat der Tech Sabbath die Art und Weise verändert, wie Du das Internet und Deine IT nutzt?

Ich habe gelernt abzuschalten.  Nicht nur am Samstagabend, wenn der Techniksabbat zu Ende ist, sondern insgesamt. Meine durchschnittliche Zeit bei Twitter, Facebook und Co. hat sich im Laufe der Zeit um ein Drittel reduziert. Ich halte es besser aus, etwas nicht oder nicht unmittelbar zu wissen. Ich habe gelernt: Alles Wichtige erreicht mich.

Einmal habe ich auf dem Heimweg gemerkt, dass ich mein Handy im Büro habe liegen lassen und wusste, ich werde erst drei Tage später wieder da sein. Vor drei Jahren hätte mich das in Panik versetzt. So habe ich mir gedacht: Es gibt ja noch Computer und iPad. Wer mich anruft, kann eine Nachricht hinterlassen. Dringende Rückrufe kann ich vom Festnetz aus tätigen. Ich muss nicht immer für alle überall verfügbar sein.

Und ich schalte bewusster an. Nicht mehr aus Gewohnheit, sondern ich entscheide mich dafür und freue mich darauf, was meine Freunde und Follower in der Zwischenzeit erlebt und gepostet haben.

Was ist Dein Tipp für alle, die sozusagen auf dem Zaun sitzen und sich das schon lange mal überlegt haben?

Einfach mal ausprobieren und schauen, was es mit einem macht. Es sollte kein Zwang dahinter stehen. Ich finde es einfach eine tolle Erfahrung und nehme mich gerne für 24 Stunden vom Netz.

Maren Martschenko arbeitet als freiberufliche Markenberaterin für Solopreneure und Startups. Sie versteht sich als Chief-Enthusiasm-Officer für ihre Kunden, denn sie weiß, die beste Marke ist die gelebte Marke. Gemeinsam mit ihren Auftraggebern entwickelt sie Konzepte zur Positionierung und Führung von Marken in stark fragmentierten Märkten mit erklärungsbedürftigen Produkten.  Sie hat eine große Liebe zu den Alpen, Kühen und Italiens Nationalgetränk, dem Espresso. Wenn sie nicht gerade den wöchentlichen Technology Shabbat hält, ist sie online.

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